Muss man als Privatanleger eine Cash Quote aufbauen?

Sehr häufig kann man in Aktienforen bei Facebook lesen, dass die Privatinvestoren dort gerne liquide Mittel vorhalten, die sogenannte Cash Quote, um im Crash dann richtig zuzuschlagen. Sie wollen vereinfacht gesagt den richtigen Zeitpunkt treffen, wenn die Kurse am niedrigsten sind, um in den Markt einzusteigen, um die größtmögliche Rendite zu erhalten. Kurz: Market timing.

Natürlich hält man eine gewisse Menge Kapital vor, um im Ernstfall mehrere Monate Kosten decken zu können, ohne seine Altersvorsorge auflösen zu müssen. Bei Arbeitslosigkeit zum Beispiel. Aber hierfür berechnet man keine Quote, denn diese bemisst sich am Gesamtvermögen, sondern eine fixe Summe, deren Anteil am Gesamtvermögen mit der Zeit sinken sollte.

Hier ein Beispiel aus dem Forum, was geschrieben wird:

Zitat Cash Quote
Zitat Cash Quote

Wir wissen jedoch, dass dieses langfristig nicht möglich ist. Daher stellt sich die Frage, ist es nicht besser immer voll investiert zu sein, weil man den richtigen Zeitpunkt eh nicht kennt? Dafür habe ich ein kleines Gedankenexperiment entworfen:

Folgende Parameter habe ich dafür festgelegt:

  • Gehen wir einmal davon aus, dass 5 verschiedene Personen 5 unterschiedliche Strategien verfolgen. Alex ist immer mit 100% investiert. Betina ist immer zu 90% investiert und hat 10% liquide Mittel. Christoph hat ein Verhältnis von 80/20%, Dorothea 70/30% und Eduard geht auf 60/40%.
  • Wir betrachten jeweils einen Anlagezeitraum von 3, 5 & 10 Jahren und die gegebene Rendite beträgt einmal 5% p.a. & 10% p.a.
    1. Seit Auflage des MSCI World – inkl. Reinvestitionen – beträgt die jährliche Rendite 11,46 % (Stand: Juni 2020)
  • Als maximalen Drawdown nehmen wir einmal -30% und einmal -50%, wobei Letzteres immens und in der Praxis äußerst selten vorkommt. Schauen wir uns die drei größten Drawdowns des MSCI World inkl. Dividendenreinvestition an.
    1. Der dritte Platz geht an Mitte 2011: -18,7 %
    2. Der zweite Platz, Anfang 2016: -20,0 %
    3. Der maximal Drawdown der letzten 10 Jahre war wegen der Corona-Krise: -30,7 %
  • Die liquiden Mittel werden nicht verzinst.

Die einzelnen Berechnungen findest du hier. Danach steht die Zusammenfassung.

 

3y-Berechnungen
3y-Berechnungen
5y-Berechnungen
5y-Berechnungen
10y-Berechnungen
10y-Berechnungen

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass, je geringer die Rendite am Aktienmarkt, je höher der Drawdown und je geringer der Anlagezeitraum, desto eher lohnt sich eine hohe Cash Quote. Das fällt besonders bei der Kombination von 5% Rendite und -50% Drawdown auf.

Worst case
Worst case

Eduards Portfolio ist nach 3 Jahren 29,1% höher als das von Alex, der voll investiert war. Nach 10 Jahren aber ist Eduards Portfolio nur noch 9,1% höher.

Schauen wir doch einmal auf die andere Seite der Medaille, die auch das realistischste Szenario darstellt. 10% Rendite und -30% Drawdown. Zur Erinnerung, der MSCI World hat 11,46 % Rendite und zwischen -18% und -30% Drawdown.

best case
best case

Bei diesem Szenario hat Eduard mit seiner 40% Cash Quote nach drei Jahren zwar noch immer die Nase vorne aber 2,9% sind marginal. Warum, erkläre ich gleich. Bereits nach 5 Jahren ist sein Portfolio -4,5% weniger wert und nach 10 Jahren hat er über 18% Rückstand!

Jetzt denken wir noch einmal daran zurück, weshalb diese Personen diese liquiden Mittel vorhalten. Sie wollen im tiefsten Punkt mit dem Kapital in den Markt einsteigen. Aber nur einem ganz kleinen Kreis gelingt es auch den tiefsten Punkt zu erwischen. Die meisten werden entweder vor dem tiefsten Punkt investieren, weil sie die Talsohle erreicht sehen oder nach der Talsohle einsteigen. In beiden Fällen kostet es Rendite. Daher ist auch eine Differenz von 2,9 % nach 3 Jahren eher unrealistisch.

Während sich Alex zurücklehnen und seinem Geld beim Wachsen zusehen kann, müssen alle anderen die Märkte beobachten, um den „perfekten“ Markteinstieg zu schaffen. Wieder unrealistisch.

Daher bin ich der Meinung, dass Anleger, die langfristig anlegen, keine Cash Quote aufbauen müssen, um im richtigen Moment einzusteigen. Es reicht vollkommen aus, sobald Kapital vorhanden ist, dieses in den Markt zu investieren.

Möchtest du etwas kritisieren oder hast Fragen? Immer her damit!

Kapitalistische Grüße

Michael

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