Gefühlt bin ich reich, real bin ich ärmer oder: früher war nicht alles besser

Letztens hatte ich mit einem Freund ein Gespräch über Vermögensbildung. Er sagte, seine Lebensversicherung würde bald ausbezahlt werden und er wüsste nicht, wohin mit dem Geld. Die Zinsen wären so niedrig.

Früher hat es sich gelohnt Geld sicher anzulegen, da man noch ordentlich Zinsen von 4 oder gar 5 Prozent erhalten hat.

war eine seiner Aussagen. Doch stimmt das überhaupt? Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas weiter ausholen.

Der durchschnittliche Deutsche legt sein Geld am liebsten sehr sicher und jederzeit liquidierbar an. Der Verband der Bausparkassen hat 2000 Bundesbürger über 14 Jahren nach ihren beliebtesten Kapitalanlagen in 2017 gefragt und dabei ist folgendes Ergebnis herausgekommen:


Sparbücher und Sparkonten erfreuen sich weiter großer Beliebtheit in Deutschland. Deutlich ist erkennbar, dass renditestarke Möglichkeiten wie Aktien und Investmentfonds beinahe stiefmütterlich behandelt werden.

Kommen wir zurück zur Aussage meines Kollegen, dass es früher noch „ordentlich Zinsen“ gab. Sparbücher und Sparkonten gelten zwar als sehr sicher, sind jedoch, was den Werterhalt des Kapitals angeht, nicht zu gebrauchen. Für kurzfristige Ziele wie sparen für den nächsten Urlaub oder das neue Auto, das in 3 Jahren fällig wird, eignen sie sich hervorragend, da hier nur kleine Summen von der Inflation vernichtet werden.
Ich habe mir erlaubt die durchschnittlichen Sparbuchzinsen und die Inflation von 1990 bis 2015 in Deutschland herauszusuchen und gegenüberzustellen. Während die Sparbuchzinsen die erhaltenen Zinsen, die man als Sparer auf seinem Konto sieht, sind, mindert die Inflation den Wert der erhaltenen Zinsen. Diese Minderung sieht man aber nicht auf den ersten Blick. Und daher wird die Inflation meistens gar nicht weiter betrachtet, sondern nur die sichtbaren Zinsen. Es lässt sich vereinfacht sagen:

Sparbuchzinsen – Inflation = real erhaltene Zinsen

Die folgende Grafik veranschaulicht die Entwicklung. Während die Zinsen 1991 bei knapp 2,8 Prozent lagen, betrug die Inflation satte 5,8 Prozent. Eine Entwertung meines Kapitals um 3 Prozent! Es gibt nur wenige Zeiträume, in denen der Realzins positiv ist und ich mein Kapital real vermehre.

Meinem Kollegen muss ich aber zustimmen. Die Zinsen waren früher wirklich höher als heute. Jedoch auch die Inflation. Daher blieb von den hohen Zinserträgen eigentlich nichts übrig.

Um es zu verdeutlichen:

Hätte ich 1990 1.000 EUR angelegt, hätte ich im Jahr 2015 (inkl. Zinseszinseffekt) 1.471,95 EUR an Vermögen.

Jetzt weiß ich leider nicht, ob ich real Vermögen aufgebaut oder ob ich nur mein Kapital erhalten habe. Um mein Kapital zu erhalten, muss ich mindestens zum Inflationssatz anlegen. Das bedeutet, dass 2015 mindestens 1.493,93 EUR auf meinem Konto sein müssten. Es ist aber weniger drauf.

Ich habe also nicht einmal mein Kapital erhalten, sondern es ist sogar weniger geworden. Nominal bin ich 471,95 EUR reicher, real 21,98 EUR ärmer.

Ich hoffe ich konnte aufzeigen, dass man bei der Betrachtung seines Vermögenszuwachses immer auf die reale Entwicklung achten muss und nicht nur auf die Kontobewegungen auf dem Konto

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