Börse für Anfänger (3): Die Liquiditätsreserve

Feststellung der Liquiditätsreserve

Man stelle sich vor, die eigenen monatlichen Einnahmen um die Ausgaben gemindert ergeben einen Betrag von 304 EUR. „Klasse“ kann man denken. Diese 304 EUR werde ich nun monatlich in meinen Sparplan investieren. Nach wenigen Monaten würde das Depot somit auf eine beachtliche Summe angestiegen sein.

Szenenwechsel. Man kommt nach der Arbeit nach Hause, will sich eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben. Am Tiefkühlfach angekommen bemerkt man eine Wasserlache davor. „Verdammt.“ ist der erste Gedanke, „Habe ich das Tiefkühlfach offen gelassen?“ Nach ein wenig hin und her probieren wird festgestellt: Der Kühlschrank und die Tiefkühltruhe haben den Geist aufgegeben. Was tun?

A: Ich habe genug Geld auf dem Konto, ich könnte sofort zum Elektromarkt fahren und mir einen neuen besorgen.

B: Ich habe nicht genug Geld auf dem Konto. Ich könnte dennoch zu einem Elektromarkt fahren und mir eine neue Kühl-, Tiefkühlschrank-Kombination auf Kredit kaufen.

In meinem fiktiven Beispiel funktioniert Plan A nur bedingt. Die Differenz aus Einnahmen und Ausgaben wird monatlich auf das Depot in Form von Wertpapieren überwiesen. Daher ist das Geld gebunden und steht nicht zur freien Verfügung. Man könnte Teile des Depots auflösen aber das ist nicht Sinn und Zweck von langfristig angelegten Wertpapieren in diesem Moment.

Was bleibt einem nun übrig? Genau, Plan B. Aber auch dieser Plan hat seine Tücken. Die Ausgaben erhöhen sich und die monatliche Sparrate für die Wertpapiere sinkt um den Kreditrückzahlungsbetrag. Außerdem sollten solche Konsumkredite möglichst vermieden werden, weil sie erstens das verfügbare Einkommen stark einschränken, da sie dazu verführen, mehrere Sachen zu finanzieren, weil man nicht auf einen Schlag viel Geld ausgeben muss und zweitens die Kredite meistens langfristiger Natur sind.

Was ist aber, wenn man den Kredit über 60 Monate abgeschlossen hat, das Gerät jedoch bereits nach 36 Monaten irreparabel geschädigt wird? Man zahlt die nächsten 14 Monate für ein Gerät, welches man nicht mehr besitzt. Natürlich kann sich die Laufzeit des Kredits an der Garantiezeit orientieren. Dann sind jedoch die Raten meistens sehr viel höher und die Sache erscheint nicht mehr so günstig oder lukrativ.

Es gibt noch eine weitere Möglichkeit sich die neue Kombination sofort kaufen zu können ohne das Depot auflösen zu müssen. Die Lösung ist sowohl einfach als auch praktikabel: man hätte sich vorher eine Liquiditätsreserve aufbauen müssen. Davon hat bestimmt schon jeder gehört. Einfach einen gewissen Betrag auf dem Tagesgeldkonto belassen und für Notfälle parat halten.

Man benötigt jedoch zwei Arten von Notgroschen, die zurückgelegt werden sollten:

  1. Unvorhergesehene Ereignisse
  2. Arbeitslosigkeit

Wie hoch sollte dieser sogenannte Notgroschen eigentlich sein? In der Literatur vernimmt man Angaben von „Das dreifache Nettogehalt“ bis „12 Monatsgehälter sollten es schon sein“. Meiner Meinung nach ist dieser Notgroschen einzig und allein von den eigenen (fixen) Lebenshaltungskosten abhängig. Um diese zu berechnen, benötigt man ein sauber geführtes Haushaltsbuch (analog oder digital), Zettel und Papier.

Um die Höhe des Notgroschens für unvorhergesehene Ereignisse zu kalkulieren, muss zunächst eine Liste mit allen teureren Anschaffungen (z.B. alles über 100 EUR) mindestens der letzten zwei Jahre ausgewählt werden. Je geringer die Anschaffungsgrenze gewählt wird, desto genauer wird auch das Ergebnis. Aber der Schwierigkeitsgrad steigt ebenfalls, da man jede Kleinigkeit eintragen muss. Ebenso steigt die Schwierigkeit je länger der Zeitraum gewählt wird. Aber das Ergebnis wird umso genauer. Wähl am besten deine eigene Schwierigkeitsstufe.

Die Liste könnte folgendermaßen aussehen:

Ereignis Wert in vollen EUR
Neuer Fernseher 499 EUR
Neue Bremsen für das Auto 235 EUR
Zu schnelles Fahren 125 EUR
Neuer Kühlschrank 299 EUR
Summe 1.158 EUR

 

Als nächsten Schritt muss das Jahreseinkommen (netto) für denselben Zeitraum ermittelt werden. Bei einem Single mit 2.500 EUR brutto im Monat kommt ein Jahresnettogehalt von ca. 19.900 EUR heraus. Für den aufgestellten Zeitraum (2 Jahre) ergibt sich somit ein Nettoeinkommen von 39.800 EUR. Indem ich nun die Summe aus den unvorhergesehenen Ereignissen durch das Nettoeinkommen dividiere, komme ich auf einen relativen Anteil, den ich monatlich beiseitelegen sollte. In meinem Beispiel wären dies ca. 3 Prozent vom monatlichen Nettolohn (ca. 50 EUR).[1] Diesen Betrag muss ich bis zur Jahressumme von 600 EUR (50 EUR * 12 Monate) ansparen. Danach sollte ich die Summe nur noch bei Gehaltssteigerungen anpassen.

Als nächsten Schritt berechne ich den Betrag, falls ich arbeitslos werden sollte und die Zeit bis zur nächsten Arbeitsstelle überbrücken müsste:

Man muss erst einmal alle regelmäßig anfallenden (fixen) monatlichen Kosten aufzeichnen. Kosten, die nur quartalsweise entstehen (z.B. GEZ), müssen auf einen Monat heruntergebrochen werden. Am Ende ergibt sich ein Betrag, der monatlich vorhanden sein muss, um alle verpflichtenden Aufwendungen bezahlen zu können.

Aufwendung Betrag
Miete 550 EUR
Strom 65 EUR
GEZ 18 EUR
Internet/Handy 40 EUR
Lebensmittel 300 EUR
Auto 150 EUR
Verbindlichkeiten 75 EUR
Total 1.198 EUR

 

Der nächste Schritt ist die Berechnung des Einkommens für den Überbrückungszeitraum (in den meisten Fällen Arbeitslosengeld 1). Dafür hat die Bundesagentur für Arbeit netterweise eine Möglichkeit erschaffen, den erwarteten Betrag online zu berechnen.[2] Hierbei müssen nur noch das monatliche Bruttoentgelt eingetragen und die Steuerklasse ausgewählt werden.

In meinem Beispiel verdient ein Single 2.500 EUR im Monat, hat keine Kinder und lebt in den alten Bundesländern. Er erhält für einen vollen Monat 979,20 EUR.

Somit entsteht unserem Beispielhaushalt ein Defizit von 219 EUR im Monat im Fall einer Arbeitslosigkeit.[3]

Im nächsten Schritt muss festgestellt werden, wie lange das Arbeitslosengeld ausgezahlt wird:

Dauer des Arbeitsverhältnisses in Monaten: Auszahlungsdauer in Monaten
12 6
16 8
20 10
24 12

 

Sollte das Arbeitsverhältnis 12 Monate gedauert haben, ergibt sich eine Zahlung für sechs Monate. In meinem Beispiel müssten 1.314 EUR für den Ernstfall bereitliegen.[4] Nach den 6 Monaten Karenzzeit müsste das Depot so oder so aufgelöst werden, um das Arbeitslosengeld II genehmigt zu bekommen.

Auch ist zu erkennen, dass je länger die Auszahlungsdauer, desto größer wird der zurückzulegende Betrag. Daher muss die Summe regelmäßig angepasst werden, sollte das Arbeitsverhältnis langfristig werden. Nach 24 Monaten Betriebszugehörigkeit ist das Maximum jedoch erreicht.

Zusammenfassend müsste unser Beispiel für unvorhergesehene Ereignisse 600 EUR und für den Fall der Arbeitslosigkeit 1.314 EUR ansparen. Macht in Summe 1.914 EUR. Dieses Geld sollte auf ein Tagesgeldkonto einer als sicher geltenden Bank transferiert werden. Natürlich kann man diesen Betrag monatlich ansparen. Jedoch ist es ratsamer ihn schon vorher zu besitzen, bevor man anfängt Geld zu investieren.

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[1] 1.158 / 39.800 * 100 = 2,909 Prozent | 19.900 * 0,03 / 12 = 49,75 EUR

[2] Onlinerechner: http://www.pub.arbeitsagentur.de/alt.html Hier muss nur noch das korrekte Jahr ausgewählt werden.

[3] (gerundet) 979 EUR – 1.198 EUR = -219 EUR

[4] 219 * 6 = 1.314 EUR

Ein Gedanke zu „Börse für Anfänger (3): Die Liquiditätsreserve

  1. Eva

    Wow sehr gut geschrieben und auf gedröselt… gefällt mir gut die Betrachtung und hilft mir aktuell sehr bei meinen Überlegungen.

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